Gruselecke von FooBen

Die Maske des Tieres

„Sie sagen also, Sie haben in der Halloweennacht eine Ihnen zuvor völlig unbekannte Frau ermordet? Haben Sie sie erschossen, erstochen oder vielleicht erwürgt?“ Er spürte den zweifelnden Ton in seiner Stimme und setzte vorsichtig hinzu: „Mr Anderson?“
Der Mann in dem braunen Ledersessel zuckte zusammen, als wäre er aus einem bösen Traum erwacht. Seine Augen wanderten über die Wände und fixierten Dr. Reyleigh, woraufhin er resigniert seufzte; der Alptraum dauerte immer noch an.
„Ich habe es Ihnen doch gesagt. Die Maske .. es war die Maske.“ Ängstlich, bebend, zitternd kamen die Worte über seine Lippen.
„Am besten fangen wir von vorne an, Mr Anderson. Wo haben Sie diese Maske her.“
Der Mann winkelte ein Bein stark an und zog es auf den Ledersessel. Eine bedauernswerte, kümmerliche Figur, die sich vor Angst auf einem Sessel zusammengekauert hatte; das war alles, was vom bodenständigen Mr Anderson übrig war.
„Ich .. ich habe es Ihnen doch schon erklärt. Dieses alte Haus, in das ich im August gezogen bin. Es war noch eingeräumt; Schränke, Stühle, Tische, alles davon hatte zwei Weltkriege überlebt. Kisten und Truhen, in denen der alte Hausherr alles gesammelt hatte, was es an Antiquitäten und nutzlosem Zeug gab, versperrten den Speicher komplett. Und da oben war sie.“
Seine ängstlichen Züge wandelten sich in eine Mischung aus Abscheu und Wut. Dr Reyleigh machte sich eine kleine Notiz auf seinem Klemmbrett und sah seinem Gegenüber tief in die Augen. Er schien innerlich zerrüttet. Bevor der Psychiater etwas sagen konnte, fing er auch schon wieder an zu erzählen. Er muss es loswerden, dachte Dr Reyleigh und entschloss sich, seinen spontanen Patienten nicht darauf aufmerksam zu machen, dass seine Praxis in einer halben Stunde schließen würde.
„Da war diese verzierte Holzkiste mit einem verrosteten alten Schloss daran. Es war eine dieser kleinen Schatullen, die man hofft zu finden, wenn man als Kind auf Abenteuersuche geht. In altdeutscher Schrift war auf dem Deckel 'Maske des Tieres' eingraviert. Damals hielt ich es für einen schlechten Scherz unter den Sammelleidenschaften des alten Mannes, aber heute.. heute..“
Er stockte und sah betrübt auf den Boden. Seine Augen füllten sich mit Tränen und seine Hände schienen sich an die Armlehnen zu klammern, als wären sie die Realität; eine Realität, die man festhalten kann, bevor sie unter einem weggerissen wird, wie ein alter Läufer. Dr Reyleigh räusperte sich leicht und Mr Anderson blickte auf, erinnerte sich, wo er war und öffnete den Mund, um seine Geschichte loszuwerden.
„Die Schatulle zu öffnen war kein Problem; ein Hieb mit einem kleinen Hammer und das Schloss broch davon ab. Darin war eine Maske.“
Er verzog schmerzhaft das Gesicht, zwang sich aber weiterzureden.
„Es war ein rotes Gesicht mit dicken Beulen und starrenden schwarzen Augen. Der Mund der Maske war geöffnet und entblößte grauenvoll viele Zähne. Sie waren spitz und erinnerten an das Maul eines Raubtieres. Nicht das Maul eines Löwen oder eines Haies. Mehr das eines Raubtieres, das einen in Sekundenbruchteilen in zwei Hälften reißt, das alle bekannten gefährlichen Tiere wie Lemminge aussehen ließ.“
Er hielt eine Sekunde inne und besah sich seine Handfläche. Der anfänglichen Traurigkeit folgte eine Art Euphorie des Erzählens, das gute Gewissen, das sich mit jedem ausgesprochenen Wort verstärkt.
„Sie war aus Gummi. Komplett aus Gummi. Ich hatte sie dort oben in ihrer Schatulle liegen lassen, denn ich war nie ein großer Fanatiker des Halloweenfestes. Leute, die sich wie Monster und Hexen, Zauberer und Ungeheuer verkleiden und Süßigkeiten an kleine Kinder verschenken; das war nie meine Welt. Die Tage vergingen und irgendwann, kam Halloween.“
Wieder blickte er fasziniert auf seine Handflächen und Dr Reyleigh überkam das Verlangen, sich ein paar Notizen auf dem Klemmbrett zu machen, aber er hatte es vor wenigen Sekunden aus der Hand gelegt. Die Art, wie der Mann seine Geschichte erzählte, fesselte ihn.
„Ich wusste, dass die Kleinen auch zu mir kommen würden und nach Süßem fragen würde, aber ich konnte gerne auf einen Besuch der Blagen verzichten. Das ganze Jahr über zertreten sie einem die Blumen und werfen mit Bällen Fensterscheiben entzwei und man kriegt sie nie erwischt, nur an diesem einen Tag kommen sie freiwillig angedackelt und wollen eine Belohnung dafür. Früher hätte man für ein solches Benehmen ein paar auf die Ohren bekommen. Eine saftige Ohrfeige hatte noch nie einem Kind geschadet.“
Dr Reyleigh faltete die Hände. Er hielt überhaupt nichts von der Ohrfeigenerziehung, aber erhob keinen Widerspruch.
„Ich hatte also nichts da, was ich ihnen hätte geben können und bevor es dunkel wurde, bin ich in den Keller gestiegen und habe die Klingel abgestellt. Es muss so gegen halb zehn gewesen sein, als ich dann, von Teufel oder sonstwem geritten, auf den Speicher ging. Ich hatte mir eingebildet etwas zu hören und beschloss, nach oben zu gehen, bevor sich über mir eine Rattenkolonie ansiedelte. Das war das letzte, was ich wollte; eine Rattenkolonie, die mir durch das alte Gemäuer kriecht.
Auf der obersten Treppenstufe sah ich dann die Schatulle liegen. Sie .. sie wartete auf mich. Ich hob sie hoch und ohne darüber nachzudenken eilte ich mit der verzierten Kiste in der Hand nach unten. Sie war schwerer als beim letzten Mal und mit jedem Schritt, den ich tat, verdoppelte sich ihr Gewicht. Als ich unten ankam und mich auf das Sofa fallen ließ, hatte ich Mühe sie mit beiden Händen zu halten. Ich war neugierig. Irgendetwas verleitete mich dazu, die vermaledeite Kiste zu öffnen. Und da grinste mich wieder dieser Mund an. Die langen Zähne gebleckt und die starrenden schwarzen Augen auf mich gerichtet. Ich .. ich konnte nicht anders, ich musste sie herausnehmen und sichergehen, dass es nur eine Maske war, aus Gummi und kein echter Kopf. Aber, .. aber es fühlte sich nicht wie Gummi an. Sie schien aus Haut zu sein. Als ich dastand und sie hochhob, dachte ich, es wäre ein Trugschluss, die Maske kam mir so echt vor und deshalb fühlte ich Haut, obwohl es eigentlich Gummi war, aber heute bin ich mir sicher; es war Haut.
Kaum hatte ich sie aus der Kiste geholt, führte ich sie mir auch schon an mein Gesicht, ich wollte sie spüren, musste sie spüren. Es war eng und stickig. Der eigentümliche Geruch von altem Gummi stieg mir in die Nase und benebelte meine Sinne und dann .. dann wachte ich wieder auf.“
Dr Reyleigh rümpfte die Nase, als habe sein Gegenüber etwas von sich getan, was sich nicht gehört, als hätte er seine Zeit für eine sinnlose Sprechstunde verschwendet, die darauf hinauslief, dass jemand geträumt hatte, er hätte jemanden umgebracht.
„Mr Anderson, wollen Sie sagen, Sie sind einfach so in Ohnmacht gefallen? Sie haben die Maske aufgesetzt und waren ... bewusstlos?“
„Verdammt, ich würde Ihnen gerne etwas anderes erzählen, aber das ist nun mal das, was passiert ist. Als Seelenklempner werden Sie doch bezahlt, Leuten zuzuhören. Dann hören Sie mir auch zu.“
Der Psychiater wollte gerade etwas erwidern, hielt es aber für geschickter, Mr Andersons Geschichte zu Ende zu hören.
„Natürlich. Fahren sie fort.“
„Ich erwachte also“, nahm er den Faden wieder auf „ungefähr drei Stunden später. Mir war elend und ich wusste zuerst nicht, was passiert war. Mein ganzer Körper bebte und zitterte und das erste, was ich sah, als ich die Augen öffnete, war die Maske. Sie lag vor dem Kamin, fast schon im Feuer und eine dickflüssige dunkle Lache bedeckte das Parkett unter ihr. Das Plastik schmolz also, dachte ich zuerst. Ich war erleichtert, aber irgendwie spürte ich auch einen Schmerz in der Magengegend. Ich ging näher zum Feuer, um zuzusehen, wie die Maske langsam schmelzen würde. Ich würde dabei grinsen, dachte ich.“
Seine Stimme verdüsterte sich, als wollte er auf eine dunkle Pointe anspielen.
„Es war nicht die Maske, die schmolz. Aus dem Mund der Maske tröpfelte die Flüssigkeit, aber als ich in die Knie ging, um genauer zu sehen, was es war, überkam mich ein fürchterlicher Brechreiz. Es war Blut. Schreckliches, rotes, dickflüssiges Blut. Menschenblut. Kinderblut!“
Er sah wieder seine Handflächen an, als würde an ihnen noch immer Kinderblut kleben. Dieses Gefühl, dachte Dr Reyleigh, würde wohl nie ganz verblassen.
„Ich sah noch einmal zur Maske. Im Maul, zwischen den Zähnen, hing der Ärmel eines grünen T-Shirts. Ich rannte zur Tür und riss sie auf. Der Geschmack von Magensäure und Blut mischte sich mit meinem Speichel und ich erbrach mich geräuschvoll in den Busch vor meinem Haus. Als ich mich aufrichtete, bemerkte ich rote Flecken auf meinem Hemd. Der Kragen schien wie durchtränkt und der ganze Bereich um meine Brust war fleckig. Ich dachte, ich hätte mich über mich selbst erbrochen, aber es war getrocknet. Am Kragen war es noch etwas weich, aber das .. das Blut auf meiner Brust war bereits trocken.“
Er hob dramatisch die Stimme und krallte die Fingernägel der rechten Hand in seinen Hals. Rote Striemen zeichneten sich auf der Haut ab.
„Es dauerte, bis ich bemerkte, dass direkt vor meiner Haustür ein Krankenwagen stand. Eine kleine Menschentraube hatte sich dort gebildet und wie von einer fremden Macht geleitet, ging ich auch dorthin. Der Körper war verdeckt, aber die Trage war kaum ausgefüllt. Ein Kind ist gestorben, wurde getötet. Als die Sanitäter die Trage in den Krankenwagen schoben, konnte ich sehen, wie unter der Plane, die den leblosen Körper bedeckte ein Arm herausrutschte. Bisspuren hatten ihn verunstaltet und ein zerfetzter grüner Ärmel hing am vom Torso über den Arm.“
Er vergoss einige stumme Tränen, machte aber keine Anstalten noch weiterzureden, weshalb Dr Reyleigh schloss, dass er mit seiner Geschichte fertig war.
„Wissen Sie, Mr Anderson, ich glaube, Sie haben niemanden verletzt in dieser Nacht.“
Der Mann blickte auf und starrte den Psychiater ungläubig an.
„Was .. natürlich habe ich. Diese Maske.. sie..“
„Nein“, unterbrach ihn Dr Reyleigh. „Die Maske hatte Ihnen nur Angst eingejagt und, als Sie dann in Ohnmacht fielen, haben Sie sich diese Dinge wie das Blut und das Stück Stoff nur eingebildet.“
„Aber, es war da: Das Blut und der Stoff... sie waren da!“
„Sie sind doch, nachdem Sie den Leichnam gesehen haben, wieder in Ihr Haus zurückgekehrt, richtig?“
„Ja, schon, aber was..“
„War dort immer noch das Blut und der Stoff?“
„N.. nein, aber ich habe sie doch vorher gese...“
„Haben Sie Beweise dafür, dass Sie das Haus verlassen haben?“
„Ich bin mir sicher, dass ich es verlassen habe, wie sonst hätte ich..“
„Wie sonst hätten Sie was? Das Mädchen töten sollen? Ich denke nicht, dass Sie es waren.“
„Aber ich war nicht bei Bewusstsein, vielleicht bin ich wie in Trance..“
„Mr Anderson, wenn Gummimasken lang in einer verschlossenen Schatulle ruhen, dann bilden sich dort Gase. Diese müssen, bei den alten Materialien, so extrem die Sinne beeinträchtigend gewesen sein, dass Sie in Ohnmacht fielen.“
„Aber...“, setzte er an.
„Kein Aber!“ Dr Reyleigh lächelte ihn mitfühlend an. „Haben Sie die Maske zufällig dabei, Mr Anderson?“
„Ja, ich wollte sie wegwerfen. In den Fluss oder irgendwo verbrennen..“
Er kramte in seiner Aktentasche und gab eine braune, reichlich verzierte Holzkiste an den Psychiater. Dr Reyleigh nahm sie und, ohne lang zu zögern, öffnete er sie.
Die Maske war ein Kunstwerk. Die Augen starrten den Betrachter aus unergründlichen Tiefen an und die Zähne sahen atemberaubend echt und gefährlich aus. Er verstand sofort, wie sich Mr Anderson einbilden konnte, dass diese Maske Macht über ihn hatte. Er schloss seine Hände um das Gummi, das sich seltsam warm anfühlte und zog sie aus der Kiste.
„Mr Anderson, wenn ich also jetzt diese Maske aufziehe, werde ich keine Kontrolle mehr über mich haben und wie ein wildes Tier auf Jagd gehen?“
Er blickte seinen Patienten ins Gesicht, aber der hatte die Augen geschlossen und hielt sich die Arme wie schützend vor seinen Kopf. Er leidet unter einer Psychose, dachte Dr Reyleigh, aber jetzt ist er in Therapie. Es wird sich bessern.
„Ich werde Ihnen nun beweisen, Mr Anderson, dass nichts Gefährliches von dieser Maske ausgeht.“
Er hob die Maske vor sein Gesicht und achtete nicht auf die wüsten Protestrufe seines Gegenübers, während er die warme Maske an sein Gesicht führte. Sie passte sich seiner Kopfform an, schien ihn ganz zu umschließen. Es war heiß und stickig unter der Maske und im nächsten Augenblick sah er nur noch Schwärze.
Dr Reyleigh wachte spät in der Nacht auf und spürte, wie sein Körper zitterte und bebte. Das erste, was er sah, waren zwei starrende schwarze Augen und ein Höllenschlund aus dem Blut tropfte.

Keiner weiß so genau, was in der Nacht passierte, als der bodenständige Mr Anderson in Dr Reyleighs Praxis eintrat, aber jedem, der es wissen will, erzählt seine frühere Nachbarin, dass Dr Reyleigh seit dieser schicksalsvollen und tragischen Nacht unter einer Psychose leidet. Aber er ist jetzt in Therapie und es wird sich bessern...

Das Talent

Steffen stand in seinem Atelier vor der großen Staffelei und schwang kunstvoll den Pinsel. Aus einzelnen Strichen entstand langsam das Gesicht einer hübschen Frau. Steffen kannte die Frau nicht, er hatte nie eine der Personen, die er zeichnete, gekannt.
Das Licht fiel durch das große Fenster auf der Südseite ein und erhellte das Gesicht der Frau. Ihre braunen langen Haare waren leicht gelockt und zu einem eleganten Zopf verschlungen. Ihre grünen Augen strahlten dem Betrachter entgegen und ihr voller Mund war zu einem schelmischen Lächeln verzogen.
Vorsichtig entfernte sich Steffen von seinem Kunstwerk, während er jeden Pinselstrich betrachtete. Es war perfekt. Er sah in die grünen Augen der Frau. Für einen kurzen Moment schloss er seine eigenen Augen. Es fiel ihm leichter zu entscheiden, ob das Bild etwas taugte, wenn er sich für jede Person, deren Gesicht er mit dem Pinsel auf Leinen bannte, eine Geschichte ausdachte.

Die Frau mit den grünen Augen war achtundzwanzig Jahre alt und seit zwei Jahren verheiratet. Ihr Mann, der vor dem Abschließen des heiligen Bundes der Ehe ein zuvorkommender Steuerberater war, hatte sich innerhalb von zwei Jahren zu einem verkommenen Säufer entwickelt, der keine Arbeit hatte und dessen einziges Hobby es offenbar war, die Wohnung zu verschmutzen, die seine Frau nach den langen Schichten im Krankenhaus aufräumte. Sie war Krankenschwester auf der Kinderstation. Sie wollte auch selbst Kinder, aber sie hatte heimlich wieder angefangen die Pille zu nehmen, damit ihre Kinder nicht mit so einem Vater aufwachsen mussten. Sie hatte Angst, er würde seinen eigenen Sohn grün und blau prügeln, wenn er seinen Brei nicht essen wollte. Vielleicht würde er ihm auch den Arm brechen, wenn er seinem Vater nicht die Ruhe gönnte, die dieser nach einem Rausch brauchte. Vielleicht...

„Ich hab gefragt, ob Sie denken, Sie können das Geld auftreiben.“ Sein Vermieter stand im Türrahmen. Die Sonne spiegelte sich in der Glatze und blendete Steffen einen Moment. Er hatte seit drei Monaten keine Miete mehr bezahlt, da das Verkaufen seiner Bilder seine einzige Geldquelle war, aber das lief zur Zeit nicht gut.
„Mr. Denison, geben Sie mir noch etwas Zeit. Ich weiß, ich kann es schaffen. Wenn ich erstmal ein paar Bilder verkauft habe, ...“
„Ich habe Ihnen schon zu viel Zeit gegeben. Künstlerpack. Ich habe Sie immer respektvoll behandelt, aber wenn sie nicht anfangen sich einen richtigen Job zu suchen, werden Sie Ihre Bilder wohl bald auf der Straße malen können“, fiel er ihm ins Wort und schnaubte aufgeregt. Das Schnauben erinnerte Steffen stark an ein Walross und, wäre es nicht eine so ernste Situation, hätte er losgeprustet bei diesem Gedanken.
„Ich werde das Geld auftreiben, Mr. Denison, aber geben Sie mir noch etwas mehr Zeit. Alles, was ich brauche ist etwas mehr Zeit. Bitte.“
„Alles, was ich brauche ist mein Geld, Mr. Donovan. Schönen Tag noch“, sagte er bissig und verließ das Atelier. Steffen hörte die Tür seiner Wohnung zuknallen.

Wenig später verließ er selbst die Wohnung. Er musste noch einige Dinge im Supermarkt besorgen. Als er um die Straßenecke bog, sah er ein Paar grüne Augen direkt vor seinen eigenen. Für einen kurzen Augenblick sah er die Verzweiflung in ihnen, bevor er mit der Frau zusammenstieß.
„Tut mir Leid“, murmelte sie abwesend und stahl sich an ihm vorbei.
Er konnte nicht anders, als ihr hinterherzuschauen. Ihre langen braunen Haare waren hinten zu einem eleganten Zopf verschlungen und unter ihrem dicken Mantel sah er die Kleidung einer Krankenschwester aufblitzen, bevor sie um die Ecke ging.
Völlig perplex stand Steffen auf dem Gehweg und war unfähig sich zu bewegen, bis er es hörte. Ein lautes Quietschen von bremsenden Rädern auf Asphalt, gefolgt von einem dumpfen Rumms und einem langen Schmerzensschrei. Er hastete um die Ecke, wo der Lärm herkam und bereitete sich auf Grauenvolles vor.
Auf der Straße stand ein rotes Auto und eine lange Bremsspur zeigte, dass es vom Zentrum gekommen war. Vor dem Auto war rote Farbe und ein Haufen Kleidung lag unweit von der Farbe. Er konnte deutlich den dicken Mantel erkennen.

Zwei Tage nach dem Unfall kam erneut Mr. Denison in die Wohnung von Steffen. Er hatte seinen Pinsel nicht wieder angefasst und verkauft hatte er bisher auch keines seiner Bilder.
„Bis morgen will ich mein Geld sehen, sonst sind Sie hier schneller raus, als sie 'Malen' sagen können.“ Er schnaubte und Steffen fragte sich, ob der kleine Schnauzer, der zitterte und bebte, den Eindruck eines Walrosses absichtlich verstärkte oder, ob er das Resultat eines missglückten Versuches war, etwas Individuelles in das Gesicht seines Vermieters zu bringen.
„Bis morgen. Und ich warne Sie, wenn Sie das Geld nicht haben, dann sollten Sie lieber gleich verschwinden.“ Er knallte die Tür ins Schloss.
Steffen stand auf und schritt durch die Wohnung. Eine Tür stand offen. Er sah durch den Türspalt, den Vollmond über der Stadt hängen und die Staffelei in der Mitte des Raumes anstrahlen. Er nahm den Pinsel in die Hand und begann zu zeichnen.
Als er fertig war, ging er vorsichtig zum Türrahmen und blickte zurück zur Staffelei. Ein glatzköpfiger Mann mit kleinem Schnauzer blickte ihn von dem Leinenbild an. Minutenlang herrschte Stille. Dann glaubte Steffen einen Stock weiter unten einen erstickten Schrei und einen umfallenden Tisch zu hören. Lächelnd schloss er die Tür zum Atelier.

Rache

Fabian ließ seine Reisetasche neben dem Bett fallen und setzte sich auf die Kante der Matratze. Er sank in den durchgelegenen Daunen tiefer ein, als es ihm lieb war, aber für eine Nacht würde es in Ordnung sein. Die weißen Wände und Gardinen des Zimmers waren gräulich gelb und der grüne Teppichboden hatte hier und da unappetitliche Flecken.
"Was für ne Drecksabsteige", murmelte er und ging zum Fenster, das einen deprimierenden Blick auf einen verdreckten Hinterhof bot. Irgendjemand hatte eine der Mülltonnen umgeworfen und dafür gesorgt, dass die Milch, die jemand halbleer weggeworfen hatte, sich jetzt über den ganzen Hof verteilte. Außenrum lagen Papierfetzen und Abfälle, die langsam vor sich hinverwesten: Bananenschalen, Salatreste und rohes Hackfleisch.
Als er den Griff drehte, um das Fenster zu öffnen, knackte es bedrohlich und Fabian dachte schon, er würde abbrechen, aber dann rastete er mit einem Krachen ein. Er zog es ganz auf und fingerte aus seiner Tasche eine Packung Zigaretten hervor und ein Feuerzeug. Während die Glut sich vom Ende aus zu seinem Mund vorarbeitete, dachte er über die letzten Monate nach.

Er war jetzt seit ungefähr vier Monaten auf der Flucht. Ja, es muss vor ziemlich genau vier Monaten gewesen sein, als diese Schlampe nach Hause kam, so wie immer, und plötzlich freudig etwas faselte von wegen Nachwuchs. Größere Wohnung, festen Job, eigene Ansprüche zurückschrauben, davon hat sie viel geredet, aber sie hat nie mit einem Wort erwähnt, dass es nicht von ihm war.
Zwei Tage danach hatte er sich einen Termin geben lassen beim Urologen. Der Test fiel genauso aus, wie beim ersten Mal, die kleinen Kämpfer schwammen nicht richtig und es war äußerst unwahrscheinlich, dass er jemals Kinder bekommen würde. Aber er hatte es ihr nicht gesagt. Er hatte sie erst gefragt, ob sie ihm etwas beichten wollte, aber sie behauptete steif und fest, sie wäre ihm treu gewesen.
"Verdammte Schlampe", flüsterte er und schnipste den Zigarettenstummel durch das offene Fenster in die kühle Nachtluft.

Morgen würde er sich auf den Weg machen, raus aus Deutschland. Die letzte Schwierigkeit, die er zu überwinden hat, ist mit dem gefälschten Pass rauszukommen, danach wäre alles wieder in Butter. Ironie, dass ein Schwarzmarkt in der Lage ist, Westen weiß zu waschen...

Die Fahrt morgen würde lange dauern, also beschloss er sich langsam schlafen zu legen. Der Geruch von Schimmelpilzen und Urin stieg ihm in die Nase, als er sein Gesicht auf die Matratze legte.
"Nur eine verdammte Nacht", meinte er und schnaubte.
"Nur eine verdammte Nacht, eine verdammte Nacht, eine..." Wie ein Mantra wiederholte er die Worte immer wieder bis sie von dem alles übermannenden Schlaf erstickt wurden.

Plötzlich war er hellwach. Er wusste nicht warum. Kein Lärm war zu hören, nichts zu sehen, er war einfach wach.
Die Schranktür war leicht angelehnt und es kam ihm vor, als könnte er dahinter ein Schnaufen hören. es klang fast wie ein Röcheln, das letzte verzweifelte Gurgeln eines Ertrinkenden... oder einer Ertrinkenden.
"Quatsch!" Er hatte es lauter gesagt als beabsichtigt und das Widerhallen seiner Stimme durch die dünnen Wände, ließ ihn frösteln und bescherte ihm eine Gänsehaut auf den Unterarmen. Das Ding im Schrank schien zu kichern.
"Da ist kein Ding im Schrank", verbesserte er sich laut, und bevor ihn der Mut wieder verließ, sprang er auf die Beine und machte sich auf den Weg vom Bett zu dem Schrank.
Der Teppichboden dämpfte seine Schritte, aber darunter quietschten die Holzdielen unter seinem Gewicht. Das Quietschen klang wie ein Schmerzensschrei und er blieb abrupt stehen.
Die Schranktür hatte sich gerade bewegt, nur einen Milimeter oder vielleicht zwei, aber sie hatte sich bewegt. Langsam machte Fabian eine Bewegung nach vorne, ohne den Blick auch nur für den Bruchteil einer Sekunde vom Schrank zu lassen. Nichts bewegte sich dort. Die Schranktür war immer noch angelehnt und kein Kichern oder Röcheln drang daraus hervor.
Ein kalter Windhauch jagte ihm ein Schaudern über den Rücken und er sah zur Seitenwand. Das Fenster stand immer noch weit offen und die kalte Nachtluft wehte hinein. Er atmete erleichtert aus und warf grob die Schranktür zu, dann schloss er das Fenster.
"Du hättest dich fast selbst zum Narren gehalten", sagte er verärgert und fügte leise und nachsichtiger hinzu: "Es war nur der Wind."

Er hatte sich gerade wieder ins Bett gelegt, als er erneut ein Röcheln hörte. Es kam vom Schrank. Die Tür war wieder einen Spalt breit offen, aber das Fenster war komplett geschlossen. Er spürte wieder eine Gänsehaut auf seinen Armen und auch wie sich seine Nackenhaare aufstellten.
Und dann wieder das Kichern. Es war keine Einbildung. Das Ding im Schrank hatte gekichert.
"Was zum..." flüsterte er und setzte sich auf.
Mit Entsetzen beobachtete er, wie sich die Schranktür quietschend öffnete. Doch es war nicht nur ein Quietschen. Er hörte ganz genau die Stimme, die darin mitschwang: "Auge um Auge, Fabian. Auge um Auge."
Schnell machte er einen Satz vom Bett runter und zog dabei die Decke mit sich, die nun halb auf dem Bett und halb um seine Hüften und ihn damit zu einer abstrusen Karikatur einer Zirkuszeltstange machte. Wieder das Kichern. Die Tür öffnete sich weiter und die vier Finger einer linken Hand griffen nach der Holztür, es war eine Frauenhand, zierlich, aber dennoch monströs. Leichenblass und aufgequollen vom Wasser, mit grünen Algen unter den Fingernägeln.
"Nein", flüsterte er und machte noch einen Schritt vom Bett weg, die Decke hing nur noch mit einem Zipfel auf dem Bett.

Die Hand verschwand wieder von der Tür und zog sich in den Schrank zurück. Dort wo sie gewesen ist, war das Holz feucht. Fabian roch Moder und Verwesung. Ihm war speiübel.
"Für uns", hörte er eine Stimme von unter der Decke, die den Spalt zwischen sich und dem Bett überdachte, "zählen die Gesetze von Zeit und Raum nicht."
"Nein", sagte er diesmal etwas lauter und wich erneut einen Schritt zurück. Die Decke fiel vom Bett und er sah gerade noch wie die gleiche Frauenhand unter dem Bett verschwand, die vorher noch im Schrank war.
"Für dich, Fabian, wartet ein Platz in der Hölle." Die Stimme war hinter ihm. Das Ding klang wie sie, aber da war etwas anders. Ein gurgelndes Geräusch als hätte das Ding Wasser im Hals. Er roch den Moder, roch das Wasser, roch die Verwesung hinter sich, aber als er sich umdrehte, war nur die Wand hinter ihm. Der Teppich war dort nass und eine grüne Alge hing an der Wand.
"In der Hölle sind wir, ich und dein ungeborener Sohn, zu Kannibalen geworden, Fabian. Und wir werden dich fressen. Bei lebendigem Leibe." Die Stimme kam aus dem Schrank und wieder kam eine Hand zum Vorschein.
"Und wir werden es wieder tun, immer und immer und immer wieder." Ein nasser Fuß setzte vor dem Schrank auf. Unter den Fußnägeln war grüner Tang und die Haut hatte nichts Menschliches mehr an sich.
"Denn Wiederholung", das Ding tat einen tiefen Gurgler und eine Nase kam zum Vorschein, der langsam der Rest eines Kopfes folgte, "ist, was die Hölle wirklich ausmacht."

"Nein", schrie Fabian als das Ding ganz draußen war. es hatte die Gestalt von ihr, aber ein Auge fehlte und dort, wo ihre Gebärmutter unter der Haut sitzen sollte, war eine klaffende Wunde. Er konnte das blutige Fleisch dahinter sehen, wo gerade genug Platz war, für einen kleinen Säugling.
"Wiederholung ist, was die Hölle ausmacht. Und du weißt das, nicht wahr?"
Er wich erneut einen Schritt zurück und spürte das Fensterbrett im Rücken. Sein Kopf drückte gegen die Glasscheibe.
"Das weißt du, nicht wahr?" Das Ding lächelte und zwischen den Zähnen konnte er grünen Tag sehen, bevor er das Glas hinter sich bersten spürte und rücklings durch das Fenster fiel.

Trari-trara die Post ist da ...

Er hob leicht die Kaffeetasse an, setzte sie aber gleich wieder ab, als er das Zittern seiner Hand bemerkte. Unwillkürlich fiel sein Blick wieder auf das kleine Paket, welches er vor seiner Haustür gefunden hatte. Es hatte wieder die selbe Größe, Farbe und Form wie die beiden, die zuvor schon gekommen waren. Am liebsten würde er ignorieren, dass es ihn vom Tisch anstarrte, aber was würde das bringen? Wenn er es aber öffnete, vielleicht könnte er etwas herausfinden, was ihm half zu überleben.

Das erste dieser Pakete war vor fünf Tagen auf der Fußmatte gelegen. Keine Adresse, kein Absender, keine Briefmarke und kein Poststempel. Einfach eine kleine Pappschachtel und etwas Tape.
Er hatte es mit in die Wohnung genommen und schon fast wieder vergessen, als er am Abend in die Küche ging, um einen Tee aufzusetzen. Das Wasser begann bereits im Wasserkocher zu brodeln, als er sich vorbeugte, um aus dem Hängeschrank einen Teebeutel zu fischen und genau in dem Moment geschah es.
Er spürte eigentlich fast nur, dass etwas geschah, doch was genau passiert war, konnte er sich erst ausmalen, als er das Klirren des Messers auf dem Boden hörte. Es war knapp an seiner Schulter vorbeigefallen, mit der Klinge voraus.
Er wusste noch genau, wie er sich sofort umgesehen hatte und eine kleine leicht gelbliche Stelle an der Decke entdeckt hatte. Jemand hatte wohl eines seiner eigenen Messer mithilfe von etwas Kleber und dem Eigengewicht des Schneidewerkzeuges zu einer Todesfalle umfunktioniert, der er nur um Haaresbreite entkommen war.
Während er noch mit dem Gedanken spielte, die Polizei zu alarmieren, aber sich immer wieder ausmalte, wie abwegig seine Geschichte sich doch anhören musste, versuchte er sich abzulenken, als sein Blick auf das Paket fiel. Der Augenblick, in dem er das kleine Spielzeugmesser darin fand, war ihm immer noch im Gedächtnis, als wäre es keine Stunde her. Das Zusammenkneifen des Magens und der unangenehme Schauer, den er verspürt hatte. Den Drang, sich umzudrehen, ob ihn auch niemand beobachtete, dem er schnell nachgegeben hatte.

Das zweite Paket kam vor zwei Tagen und er erkannte es sofort. Das Tape war auf die gleiche Art um das Paket gewickelt und es schien sogar an der exakt selben Position der Fußmatte zu liegen. Es erschien ihm so irreal, diesen Anblick ein zweites Mal zu erleben, nicht wissend, dass es ein weiteres Mal geben würde.
Diesmal öffnete er es sofort und griff mit zitternden Händen hinein, um ans Tageslicht zu fördern, was sich darin befand. Es war eine kleine Glühbirne. Eine, wie er sie im Schlafzimmer verwendete. Mit pochendem Herz legte er sie wieder hinein und blieb an dem Abend noch lange wach.
In der Nacht wachte er auf, es war Lärm direkt vorm Haus, der ihn auch nicht wieder einschliefen ließ. Er betätigte den Schalter neben seinem Nachttisch, doch es blieb weiterhin tiefschwarz. Damals hatte er sich noch gesagt, nicht diesem Irren nachzugeben. Er hatte sich einen Zufall eingeredet und sich selbst Mut zugesprochen und war dann in den Keller gegangen, wo er die Ersatzbirnen hatte.
Außerdem hätte er dort unten auch gleich die Sicherung rausdrehen können, falls dieser Psychopath an der Halterung der Birne gespielt hatte.
Er öffnete die Tür zum Keller und schaltete das Licht ein. Das strahlende Leuchten tauchte die Treppe in fast schon blendendes Weiß. Eine Stufe, zwei, drei. Er hob gerade den Fuß, um die vierte Stufe hinabzusteigen, als die Glühbirne im Kellerabgang ihren Geist aufgab. Er griff nach dem Geländer zu seiner Rechten, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren, aber das machte es nur noch schlimmer, denn das Metall glitt unter seinen Fingern hinweg, als hätte es jemand mit Schmieröl bearbeitet.
Er verlor die Balance und fiel die restlichen Stufen hinunter, stieß sich dabei an Hüfte, Schulter und Armen.

Und jetzt lag das dritte Päckchen vor ihm. Starrte ihn höhnend an. Langsam griff er danach und öffnete es fast schon mit einer zeremoniellen Trägheit und Präzision. Es kam ihm vor, als würde jeder Handgriff sein Herz anhalten lassen. Dann hatte er es geöffnet. Seine Hände griffen nach dem Objekt darin und brachten einen kleinen Apfel zum Vorschein. Verschrumpelt, grün, ganz sicher nicht gekauft, sondern selbst angebaut. Einer dieser Äpfel, wie man ihn im eigenen Garten haben kann.
Ein schiefes Grinsen zierte seinen Mund. Nun hatte er ihn. Jetzt hatte dieser verrückte Spinner sich enttarnt. Sein Nachbar hatte einen solchen Apfelbaum im Garten.
Den Apfel noch immer in der Hand, stapfte er zur Haustür und spürte dabei nicht, wie sich seine Finger in die Schale gruben. Der Saft des Apfels lief seine Fingerknöchel entlang und tropfte auf den Boden. Er zog sich nicht einmal Schuhe an, sondern verließ gradewegs das Haus und überquerte die Straße. Eines der Autos hupte, weil es wegen ihm stark abbremsen musste, aber das war ihm egal. Es gab nur eins, was ihn im Moment interessierte.
Er konnte den Apfelbaum sehen. Er stand direkt im Vorgarten. Ein paar der Äpfel lagen bereits auf dem Rasen darunter, andere hingen noch in den Ästen, genauso klein und verschrumpelt wie der, den er in der Hand hielt. Mit aller Kraft wandte er den Blick von dem Baum und fixierte die Haustür. Jetzt, wo er hier stand, wusste er nicht, was er sagen sollte. Und woher sollte er wissen, dass dieser Psychopath wirklich hier wohnte?
Ein leises, dumpfes Geräusch riss ihn dermaßen aus den Gedanken, dass er aufschreckte und zurückwich. Er strauchelte und fiel rücklings auf den harten Asphalt. Als er sich nach der Quelle des Geräuschs umsah, entdeckte er einen kleinen Apfel, der aus der Richtung des Baumes über den Weg zur Haustür kullerte und schließlich liegen blieb.
Erst das Quietschen von Reifen und die Hupe eines Lastwagens konnten ihn von diesem Anblick lösen. Der Aufprall war das letzte, was er spürte, bevor die ewige Schwärze ihn empfing.

Das Talent 2 - Herr über Leben und Tod

Er rannte über die Wiese. Die Kälte folgte ihm auf jedem Schritt, kroch an seinen Beinen empor. Sie hielt ihn fest, fesselte ihn. Panisch wandte er den Kopf nach hinten. Die dunkle Gestalt, die ihm durch den kühlen Nebel verfolgte, war nur als Schatten erkennbar. Sie kam auf ihn zu ohne sich auf und ab zu bewegen. Es war, als würde sie schweben.
Das Einzige, was er erkennen konnte, war der schwarze Saum eines Mantels samt Kapuze, aber er konnte das Gesicht nicht erkennen, das sich darunter verbarg. Dann lösten sich seine Beine aus der Starre. Mit einem letzten Blick nach hinten, rannte er wieder los. Sein Atem ging schnell und ließ kleine Wölkchen an seinem Gesicht vorbeiziehen. Das feuchte Gras unter ihm, streifte seine Knöchel.
Er widerstand dem Drang sich erneut umzusehen. Etwas Hartes traf auf seinen rechten Fuß. Er war gegen eine Wurzel gelaufen. Mühsam fing er den Sturz mit beiden Händen ab. Während er auf dem Boden lag, vergingen grauenvolle Augenblicke der Angst, bis er sich endlich wieder aufrappeln konnte. Doch die Kälte hatte ihn wieder eingefangen, umschloss seine Füße. Sein Blick fiel wieder auf die Gestalt, die mit jedem Wimpernschlag seiner überanstrengten Augen näher kam. Er konnte den modrigen Geruch wahrnehmen, der von ihr ausging.

Schweißnass erwachte Steffen in seinem Bett. Der Mond schien durch das kleine Dachfenster hinein und warf sein Licht auf den jungen Mann, das spartanisch eingerichtete Zimmer und die Staffelei in der Nähe des Schreibtisches. Auf der Leinwand waren die schemenhaften Umrisse einer dunklen Gestalt in schwarzer Robe zu sehen. Zu oft hatte er jetzt schon diesen Traum gehabt und jedes Mal ein weiteres Detail mit dem Pinsel verewigen können, aber es war immer noch nicht alles. Er würde erst wieder in Ruhe schlafen können, wenn er dieses eine Bild gemalt haben würde.
Mit den Gedanken daran schlief er wieder ein und erwachte erst am nächsten Morgen. Der weitere Schlaf, die schönen Träume - nichts hatte die Erinnerung an die Kälte und die lauernde Gefahr vertreiben können. Einige weitere Pinselstriche gaben dem Schemen auf dem Gemälde einen schwarzen Umhang samt Kapuze. Steffen wusste, dass es so noch nicht funktionieren würde, aber nur noch ein, zwei kleine Details und dieses Ding würde vor seinen Schöpfer treten, so wie es alle taten, die sich ihm in den Weg stellten.

"... und auch, wenn wir stolz sind, dieses Stipendium einen so jungen und talentierten Künstler überreichen zu dürfen, so wird diese Verleihung doch von dem tragischen Unfall überschattet, bei dem zwei der anderen Bewerber ums Leben kamen. So ist diese Veranstaltung nicht nur ein Fest der Freude dessen, was uns in Zukunft noch erwarten mag, sondern auch, was alle Bewerber in ihrem bisherigen Künstlerleben vollbracht haben. In der Eingangshalle haben Sie die Chance einige ausgewählte Werke aller Bewerber in Augenschein zu nehmen. Ich danke für Ihr Kommen."

Steffen sah den Anzug tragenden Geldsäcken zu, wie sie zwischen den verpfuschten Bildern der anderen und seinen eigenen Meisterwerken hin und her liefen, hochtrabende Wörter benutzten, deren Bedeutung sie nicht kannten und sich hier oder da mit den Künstlern unterhielten. Er sah noch einmal zu den Stücken, die heute Abend von ihm ausgestellt wurden.
Eines zeigte das Gesicht einer jungen Frau. Sie war gerade erst Anfang zwanzig und ihre blauen Augen konnten dem Betrachter geradewegs in die Seele schauen. Ihre blonden Haare hatte sie hochgesteckt und nur eine einzige, gelockte Strähne hing ihr über die rechte Wange. Ein Lächeln zierte ihre Lippen, das so ansteckend war, dass man nicht widerstehen konnte, einzustimmen, auch wenn es einen nicht zum Lächeln bringen sollte. Es war Kathrin Stiegler, eine junge Künstlerin, die vor wenigen Tagen unglücklicherweise verstarb. Für Steffen war es jedoch eher ein Glücksfall, hatte man doch ihr die besseren Chancen auf das Stipendium zugeschrieben.
Das andere Bild zeigte die ernsten Züge eines Mannes ägyptischer Herkunft. So streng, als könnte er selbst aus dem Bild heraus noch Abscheu gegenüber dem empfinden, was der Betrachter getan hatte. Sein Blick war verurteilend, vorwurfsvoll. Es war der Blick von Elias Said, dem anderen bereits gestorbenen Bewerber, dem man das Stipendium schon fast sicher zugesprochen hätte.
Ein drittes Gemälde von ihm zierte die Wand. Er hatte vorher viele Quellen und Abbildungen, Erzählungen und Beschreibungen studiert, bevor er sich daran gemacht hatte. Es bildete die sagenumwobene Stadt Atlantis ab, die in einer Katastrophe zerstört wurde. Innerlich trieb es ihm noch immer ein Grinsen auf die Lippen, wenn er darüber nachdachte, wie offen er damit seine Gabe präsentierte, sein stilles Geheimnis. Er war nicht nur ein einfacher Künstler, er war ein Gott der Zerstörung, der Herr über Leben und Tod. Atlantis, die zerstörte Zivilisation schlechthin, sollte das Glanzstück seiner Werke sein, denn alles, was ihm noch blieb zu zerstören, war nicht so bedeutend, hatte nicht dieselben großen Auswirkungen. Es waren alles nur einfache Menschen ohne besondere Gaben.

In dieser Nacht wiederholte sich der Alptraum für Steffen. Und die Gestalt kam ihm so nah wie nie.
Wieder stolperte er über die Wurzel, drehte sich zur Seite und mit einer unvorstellbaren Geschwindigkeit kam es näher, beugte sich über ihn. Für den Bruchteil eines Augenblicks, erhellte das Mondlicht das Gesicht unter der Kapuze. Die Augen nichts als zwei das Licht reflektierende Smaragde, die aus den Augenhöhlen eines vermoderten Totenschädels starrten. Eine kleine Spinne, die sich, vom plötzlichen Lichte aufgeschreckt, hinter den blank liegenden Zähnen versteckte. Und dazu ein knackendes Geräusch, fast wie eine Sprache. Eine Sprache der Stummen, die sich mit dem Zerknacken von Ästen Botschaften zumorsen. Nur, dass es keine Äste waren, die knackten. Es waren Knochen und für einen kurzen Moment der Übelkeit, überkam Steffen das Gefühl, es seien seine Knochen.
Wieder erwachte er schweißnass in seinem Bett. Senkrecht setzte er sich auf, strich sich mit der Handfläche über die Stirn. Dann stand er auf. Heute würde er nicht mehr einschlafen. Er würde das Bild fertig malen und endgültig diesen Traum töten, dieses Wesen töten.
Ein Grinsen stahl sich auf seine Gesichtszüge, als er den Pinsel in die Hand nahm. Die Kälte, die von unten sein Bein hinaufkroch, bemerkte er kaum. Pinselstrich für Pinselstrich füllte er die zuvor leere Kapuze mit einem Totenschädel. Etwas hinter seiner Zimmtertür knackte und die Fenster beschlugen aufgrund des enormen Falls der Temperatur. Nur noch die zwei Smaragde fehlten. Ein lauteres Knacken. Ein Smaragd noch.
Die Zimmertür öffnete sich quietschend, aber Steffen nahm den Blick nicht von der Leinwand, zog Strich um Strich. Nur noch die kleine Spinne fehlte auf den Zähnen der Gestalt. Er war fertig. Er hatte es geschafft.
Endlich wandte er den Blick ab, aber die Zimmertür war geschlossen. Kein Wesen war im Raum außer ihm. Wer sollte ihm schon gefährlich werden, wenn selbst der Tod kein ernstzunehmender Gegner für ihn war. Schließlich war er Herr über den Tod, den Tod und das Leben. Ein lautes Lachen löste sich in seiner Kehle und zugleich spürte er einen schweren Stein von seinem Herzen fallen.
Als er sich gefangen hatte, wandte er sich dem Bild zu. Die Gestalt mit schwarzer Robe und Kapuze. Doch innerhalb der Kapuze war kein Totenschädel. Ungläubig starrte Steffen sein eigenes Gesicht an, wie es ihm entgegenstarrte. Angsterfüllt, wissend um das eigene Schicksal.
Ein leises Knacken riss seine Aufmerksamkeit vom Gemälde weg. Mit einem Schmerzensschrei brach er zusammen.
"Was zum Teufel...?" Ein weiteres Knacken unterbrach ihn. Seine beiden Beine standen in seltsamen Winkel von seinem Körper ab, Tränen liefen über seine Wangen, als mit einem weiteren Knacken auch der Wangenknochen entzweibrach.
Knack. Knack. Knack.

Fantasie?


inspiriert von Lovecraft

Ich höre sie kommen. Ich höre jeden ihrer Schritte, den sie auf mich und auf die gesamte Menschheit zu machen, obwohl ich mir sicher bin, dass sie nichts haben, was man als Füße bezeichnen könnte; Wer könnte sich dessen sicherer sein als ich?
Und doch höre ich ihre Schritte. Das ist auch der Grund, warum ich es jetzt niederschreibe. Ich hatte geschworen, es mit mir ins Grab zu nehmen, das dunkle Geheimnis, das mein Leben zerstörte. Ich bezweifle noch immer, dass es Hoffnung gibt; Weder für mich noch für die Menschheit. Aber trotzdem muss die Wahrheit ans Licht, auch wenn sie keiner sehen will.
Ich habe erst verstanden, was die Wahrheit ist, als ich von anderen hörte, die sie auch hören, die sie sehen und die von ihnen wissen.

Da meine Frau mich mit den Kindern verlassen hatte, als ich anfing, mich nur noch mit ihnen, die ich hier "die Alten" nennen will, zu beschäftigen, weiß ich nicht, wer diese Aufzeichnung finden wird und so sollte ich dort beginnen, wo es für mich anfing.
Meine Kindheit war stets eine zwiegespaltene. Einerseits das glückliche Elternhaus und der Frohmut, wie er Kindern eigen ist, die die Schrecken der Welt noch nicht kennen, aber andererseits stets die Angst vor jedem Schatten, der sich über meine Füße zu stehlen suchte. Meine Eltern schoben diese Ängste meiner ausgeprägten Fantasie zu, denn auch wenn meine Kameraden draußen mit Bällen tobten oder andere Kinderspielereien trieben, so saß ich nur in der Sonne, weit entfernt von jeglichem Schatten werfenden Objekt und ließ meine Gedanken die Welt erkunden, statt selber auf Entdeckungsreise zu gehen.
Dass sich meine Eltern nie stärker dafür engagierten aus mir einen herumtobenden Jungen zu machen, wurde quasi dadurch belohnt, dass ich äußerst positiv in jeglichen Künsten auffiel. Was immer Kreativität und Schaffenskunst verlangte, von der Musik über die gestaltende und malerische Kunst, bis hin zum Gedicht - ich hatte schon bald meine Lehrer darin übertroffen.
Doch nachts, wenn die Sonne sich versteckte und der Schlaf mich übermannte, wand sich meine Fantasie gegen mich. Ich sah Kriege vor meinem Auge, die nicht an Land, in der Luft oder auf dem Wasser stattfanden und ich hörte Klänge, die keine Töne hatten, sah Farben, die ich im wachen Zustand nie sehen oder gar beschreiben konnte. Und stets spürte ich sie, hörte ihre Worte und konnte nicht anders als ihre Größe und Macht anzuerkennen.

Diese Träume waren es auch, die mir schließlich in geradezu unglaublich jungen Jahren zu einem bedeutenden Autor des Fantastischen verhalfen und mich zu einer Ikone der Anhänger dieses Genres machten. Ich war oft auf Reisen, unterschrieb meine Werke und beantwortete Fragen, wenngleich ich mich, trotz der derben Proteste meines Verlegers, stets weigerte auch nur ein Wort meiner Bücher vorzulesen. Es waren für mich Geschichtsbücher, die die Vergangenheit erzählten. Nicht vorgetragen in einem vom Kreidestaub benebelten Klassenraum, sondern in meinen Träumen. Und so wie die Geschichte, wenn man nur die Fakten betrachtet, nur die Handlungen und weder die Folgen noch die Motive, weder gut noch schlecht ist, so waren auch die Alten in meinen Erzählungen Wesen, die weder gut noch böse waren. Sie wurden auf unzähligen Buchrücken entfernt menschlich dargestellt und ich war wahrscheinlich der Einzige, der es besser wusste. Zumindest dachte ich das zu jener Zeit.
Bald lernte ich die Liebe meines Lebens kennen. Ich will nicht leugnen, dass die strahlenden Augen eines weiblichen Lesers bei mir keine Wirkung gezeigt hätten und nicht das ein oder andere Mal auch zu Versuchungen führten, aber sie war anders. Sie hatte keines meiner Bücher gelesen und so lernte sie mich kennen und lieben, als der exzentrische junge Träumer, der ich war und ich musste sie nicht einmal lieben lernen, denn ich tat es vom ersten Moment an, in dem mich diese grünen Augen durchbohrten und mein Inneres erforschten.
Sie reiste immer mit mir, selbst nachdem ich ihr das Haus ihrer Träume errichten ließ, denn von dem Geld, welches meine Bücher einspielte, konnten wir mittlerweile mehr als gut leben. Und des Nachts, wenn mich meine Träume befielen, wenn ich schreiend aufwachte, schweißgebadet und alle Lichter im Raum einschaltete, unfähig wieder Schlaf zu finden, auch dann war sie bei mir und beruhigte mein Herz.
Während der ersten Schwangerschaft meiner Frau blieb ich bei ihr und sagte jegliche weitere Reisen ab. Es war mir wichtiger an der Seite des Menschen zu sein, dem ich das Glück meines Lebens verdankte, als mein Vermögen weiter anzuhäufen. Und doch war es wahrscheinlich der größte Fehler, den ich tat. In dieser Zeit war es nämlich, dass ich mich vermehrt mit Briefen von Lesern auseinandersetzte und so konnte ich nicht umhin zu bemerken, was einige von ihnen so offen schrieben.

Ich erinnere vor allem einen jungen Herrn aus dem Osten des Landes. Seine abschweifende Art zu schreiben, die vielen Schnörkel in der Schrift und auch der poetisch anmutende Inhalt versetzte mich sogleich in meine Kindheit zurück. Ich fühlte mich mit einer jungen Version meiner Selbst konfrontiert: Ebenso ein Träumer und Künstler, ein Akrobat mit Worten.
Doch vielmehr irritierte mich, was er zu schreiben hatte. Er schrieb über die Alten. Er erzählte von Dingen, die ich wusste, aber nie veröffentlicht hatte. Es war, als hätte er die selben Träume gehabt.
Er war einer der wenigen in dieser Zeit, dessen Korrespondenz ich genoss und wir schrieben uns viele Briefe, von denen ich die wenigsten aufbewahrt habe. Mir ist klar, dass das meine Glaubwürdigkeit nicht erhöht, aber ich bin mir sicher, dass jeder, der heute oder morgen oder in einem Jahr sich dieser Sache annimmt, zu dem selben Schluss kommen muss, zu dem ich auch komme. Denn wegen der vielen übereinstimmenden Details, die der junge Mann mir zu berichten hatte, begab ich mich sofort daran, Freunde aus meiner Jugend- und Studienzeit anzuschreiben, von denen ich wusste, dass sie so wie ich und mein Leser, als Träumer und Fantasten galten. Ich bat sie um einen einfachen Gefallen mit großen Auswirkungen für mein weiteres Leben: Ein Traumtagebuch.
Durchweg positive Resonanz erreichte mich von ihnen und sie begannen schon bald mir alle paar Tage bis hin zu zweimal pro Woche ihre Notizen zuzusenden, die Träume und nächtliche Empfindungen betrafen. Je größer die Fantasie und je losgelöster der Träumer von der materiellen Welt um ihn herum war, desto genauer und detailreicher schienen die Beobachtungen der Nacht und desto mehr Details von den Alten, wie ich sie erlebte, konnte ich aus den Tagebüchern entnehmen. Der Grundtenor jedoch, ob detailreich oder nur sehr grob, war stets zwischen leicht bedrückend und so angsteinflößend, dass manch einer, sicher mit falschem Lächeln auf den Lippen, in den Briefen anmerkte, dass es zum Glück nur Ausgeburten sinnentfremdeter Träume waren.

Es waren diese Vorfälle und mein stetig wachsendes Verlangen mehr über die Alten zu erfahren, was mich schließlich der liebevollen Fürsorge durch und auch der Liebe zu meiner Frau entfremdete und es dauerte kein Jahr nach dem ersten Erreichen der Traumberichte bis ihre Anwesenheit mich des Abends und Nachts mehr störte, weil ich spürte, wie sie mich von den Geheimnissen der Alten fernhielt, obwohl ich doch so viel mehr wissen wollte.
Ich weiß nicht mehr, wie es dazu kam, doch noch ein zweites Mal wurde meine Frau schwanger und uns beiden war zu diesem Zeitpunkt schon bewusst, dass unsere Ehe nicht länger als bis zur Geburt halten würde. Mit genug Vermögen, um die Kinder und sich selbst zu versorgen, ließ ich sie in dem großen Anwesen und reiste in andere Länder und Kulturen. Ich brauchte keinen festen Wohnsitz mehr, denn er würde mich nur daran hindern, was mein Herz und mein Verstand so unbedingt wollten: Mehr herausfinden über die Alten.
In Osteuropa schließlich begegnete man mir auf dem Lande sehr offen und weihte mich in die Riten und den Aberglauben alter Kulte ein. Kulte, die alten Göttern dienen, die vor langer Zeit, bevor der erste Mensch das Licht der Sonne sah, über ganze Sonnensysteme herrschten und Kriege gegeneinander führten, Bündnisse schmiedeten und einander betrogen. Sie sahen Zivilisationen wie uns kommen und gehen. Sie sahen uns kommen und werden uns auch gehen sehen. Ihre Macht war zu groß, als dass sie sterben könnten und so existierten sie noch heute. Die Kulte, die diese Götter anbeteten, versuchten sie auf unsere Erde zu beschwören, um den jüngsten Tag für die Menschheit einzuleiten, denn nur ihre Diener würden ein ewiges Leben antreten.
Ich hörte Geschichten von den Göttern und ihren Kriegen und sah wieder die Parallelen zu den Alten in meinen Träumen. Mir wurde auch gesagt, dass man ihnen schon gedient habe, bevor irgendeine Kultur, derer man sich noch erinnern kann, seinen Aufstieg erlebte. Schon die ersten Menschen in diesem Landstrich sollen im Traum von den Göttern dazu gebracht worden sein, ihnen zu huldigen. Sie erzählten ihnen ihre Geschichte und auch wie man sie beschwören könne und unablässig seit jenem Tage versuchen die Kulte genau dies.

Ich war gefesselt von den Erzählungen und Geschichten über diese Kulte. Nichts gab es, was ich mir je mehr gewünscht hätte, als andere Menschen, die mehr über das wussten, was mich schon so lange quälte. Ich versuchte nachzuhaken, aber als man in den Dörfern, die ich besuchte merkte, dass ich beabsichtigte, mit dem Kult Kontakt aufzunehmen, wandte man sich ab oder verwies mich gar feindselig des Dorfes. Die Angst, nicht nur vor den Göttern oder den Alten, wie ich sie nannte, sondern auch vor ihren Anhängern saß tief in den Menschen und es bestärkte mich eher im Verlangen, mich mit ihnen treffen zu können.
Schließlich dauerte es mehr als zwei Monate, bis ich eines Nachts, als ich auf einem Berg, der bei den Einwohnern der Gegend als verflucht gilt mit einer starken Lampe in der Hand in alten Schriften blätterte, von einer Gestalt in schwarzer Kutte angesprochen wurde. Die Kapuze war tief ins Gesicht gezogen und so hätte ich die Person nicht erkennen können, selbst wenn ich sie gekannt hätte. Nur dass es ein Mann gesetzteren Alters sein musste, erkannte ich an der Stimme.
Er wusste, wer ich war und warum ich hier war und da ich hoffte, es mit einem Mitglied des Kultes zu tun zu haben, schien es mir das Beste, ohne viele Worte zuzustimmen und mich so kooperativ wie nur möglich zu zeigen, auch wenn mir tausend Fragen auf der Zunge brannten. Doch auch er war wortkarg und bedeutete mir nur, ihm zu folgen, sodass ich mir bald nicht mehr sicher war, welchen Wege wir zurückgelegt hatten, als wir auch schon vor einer Höhle angekommen waren.
Mein stiller Führer ging hinein und langsam folgte ich, den Blick stets auf ihn gehaftet, um ihn in der zunehmenden Dunkelheit nicht zu verlieren. Unsere Schritte hallten von den Wänden wider und je tiefer wir hineinkamen, desto deutlicher vernahm ich eine Intonation, die von mindestens zwanzig Menschen vorgenommen werden musste. Sie alle sprachen den gleichen Singsang und wiederholten ihn stetig wie ein Mantra oder eine Zauberformel.
Als ich hinter einer Ecke tanzende Schatten sah, die von einem Feuer geworfen wurden, wusste ich, dass wir fast am Ziel waren und schließlich verlangsamte auch mein Begleiter seinen Schritt und blieb vor einer Gruppe Menschen stehen, die ebenso in schwarzen Kutten gekleidet waren.

Der Rest geschah sehr schnell und vieles davon erscheint mir heute wie im Traum, denn die Alten waren stets in meinem Kopf und ihr Wesen und ihre Gedanken hämmerten stärker gegen meine Schläfen als je zuvor. Der Eine Große, wie ich ihn hier nennen will, der Mächtigste der Alten, trat in meinen Gedanken hervor und ich spürte eine Woge der Empfindungen über mich schwappen, die mir den Geist und die Sicht vernebelten. Ich spürte Speichel aus meinem Mund tropfen und gleich darauf wieder die Gedanken des Großen.
Es waren Gedanken, die in Äonen von Jahren geschmiedet wurden. Sie waren zu komplex, um sie zu verstehen und hatten keine Gestalt, wie unsere Gedanken. Sie waren allumfassend und eines stach daraus hervor. Wir sind nichts als der Staub, den eine Ameise herumträgt für die Alten.
Was ein Schwein für uns ist, ein Nutztier, welches man ohne Bedenken züchtet, schlachtet und daran bedient, wie es einem beliebt, das sind wir für sie. Ein Schrecken, ebenso groß wie sie selbst, hat sie vertrieben und wir sind nichts als Katalysatoren, mit denen sie sich den Rückweg ebnen. Sie brauchen uns, aber wenn die Schweine aussterben, können wir noch Rinder essen. Sollte es mit uns nicht funktionieren, werden sie einfach die nächste Zivilisation abwarten und mit ihnen den Rückweg schaffen, denn es wäre für sie nur einen Augenblick entfernt. Sicher ist nur, dass am Ende ihnen alles gehören wird.
Als meine Sicht klarer wurde und die Gedanken des Großen nur noch ein dumpfes Pochen hinter meiner Stirn, sah ich verschwommen eine nackte Frau auf mir sitzen und hinter ihren wallenden Haaren die Decke der Höhle. Sogleich schlugen die Empfindungen wieder nach vorne und wieder verging meine Sicht und nur ein weiblicher Aufschrei der Extase drang in meinen Geist, bevor auch er von den Alten verdrängt wurde.
Ich erwachte am nächsten Morgen inmitten eines der Dörfer, in denen ich Nachforschungen über den Kult angestellt hatte. Ich wusste nicht mehr, wie ich dorthin gelangte, aber ich machte mich auf schnellstem Wege zurück in die alte Heimat und versuchte es als einen wilden Traum abzutun.

Es muss sieben Monate nach dem Vorfall gewesen sein, als ich wieder anfing Bücher zu signieren und damit versuchte, den Weg zurück in ein geregeltes Leben zu finden, auch wenn meine Augenringe und meine, aufgrund meiner zitternden Hand krakeligen Handschrift eine andere Geschichte zu sprechen schienen. In einer kleinen Stadt im Südosten Deutschlands war ich gerade dabei eine Widmung für einen Leser zu schreiben, der gleich mit meinen gesammelten Werken gekommen war, statt nur die neuste Veröffentlichung zu bringen, als mir in der Gruppe eine junge Frau mit wallendem Haar auffiel. Ich war mir erst nicht sicher, doch schließlich erkannte ich ihre Züge, auch wenn ich nur kurz und verschwommen ihr Antlitz hatte einprägen können. Es war die Frau aus der Höhle.
Ich konnte noch an ihr herunterschauen und unter ihrer Bluse den aufgeblähten Bauch einer Schwangeren erkennen, als sich ein weiterer Leser vor meinen Blick schob und sie mir somit entzog. Als ich mich an ihm vorbei beugte, war sie bereits verschwunden und so konnte ich mir auch diesmal nicht sicher sein, ob mir meine Fantasie doch nur einen Streich spielen wollte.

Das war nun zwei Monate her und in den letzten Nächten ist es schlimmer geworden. Ich finde keinen Schlaf mehr, denn ihre Gedanken sind lauter denn je. Ihre Stimmen hallen in meinem Schädel wider und ihre Schritte stampfen durch meine Ohren. Sie kommen. Sie sind bereits da und bald werden sie das Licht der Welt erblicken.
Und ich ... ich habe ihnen dabei geholfen.